Hoffnung auf Schulterschluss mit Männern
Frauenforum feiert 10-jähriges Bestehen im LŸZ in Siegen
Donnerstagabend in Siegen, eine volle Aula im Kulturhaus LŸZ. In der ersten Reihe Gäste wie NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) und Landrat Andreas Müller (SPD). Auch Erika Denker, die vor 10 Jahren den Grundstein für das Frauenforum Siegen-Wittgenstein legte, ist zur Jubiläumsveranstaltung in Siegen gekommen.
Zehn Jahre Frauenforum
„Es macht glücklich, gemeinsam etwas zu erreichen“, erläutert Beate Schmies, eine von zwei Sprecherinnen des FrauenForums in ihrer Begrüßungsrede. Unterschiedliche Temperamente und unterschiedliche politische Einstellungen kämen für ein gemeinsames Ziel zusammen. „Das ist gelebte Demokratie.“ Im Saal gibt es Applaus für so viel Frauenpower.
Immer wieder besingt an diesem Abend Sängerin Ulrike Wesely mit spitzem Humor das „stärkere Geschlecht“, gibt Hoffnung und Mut für mehr starke, weibliche Persönlichkeiten und vermittelt die tiefe Sehnsucht für Gleichberechtigung und Frieden. Unterstützt wird sie dabei von Pianistin Eiko Takahashi.
Zur Jubiläumsveranstaltung hat sich das Netzwerk einem brisanten und aktuellen Thema gewidmet: „Gewalt an Frauen“. Damit einher geht der dringende Appell des Frauenforums an die anwesenden Politiker:innen: „Investieren Sie in präventive Maßnahmen.“ Wer gefährliche Entwicklungen erkenne, müsse weniger Schäden beheben, verstärkt Schmies in ihrer Rede die Aufforderung.
Anerkennung aus der Politik
Andreas Müller, Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, lobt die Vernetzung der Frauenverbände und betont ihre Wichtigkeit. Denn jeden dritten Tag werde eine Frau ermordet. Diese Zahlen bilden jedoch nur 5 Prozent der realistischen Zahlen ab, so eine Dunkelfeldstudie. „Das Anliegen des Frauenforums ist also drängender als je zuvor“, so Müller. Das Netzwerk verzettele sich nicht, bleibe mit Beharrlichkeit an einem wichtigen Thema dran. Das verdiene Respekt. „Über 20 Institution, die sich im Kreis Siegen-Wittgenstein zusammen getan haben und sich einsetzen, ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.“
Als Schirmherr des FrauenForums macht NRW-Innenminister Herbert Reul deutlich, dass vor allem das Gemeinschaftliche in unserer Gesellschaft wieder mehr Bedeutung brauche – und dass das Frauenforum eine wichtige Lücke schließe. 56.000 Frauen in NRW wurden 2023 Opfer häuslicher Gewalt, die Dunkelziffer dürfte höher sein. „Wird diese Gewalt nicht gestoppt, kann sie tödlich enden“, macht Reul deutlich. „Und dieses Problem müssen wir benennen, damit wir es Schritt für Schritt lösen können“. Schon im Kleinen könne jeder etwas tun: „Wenn jeder hinschaut, haben weniger weggeschaut.“ Zehn Jahre Frauenforum bedeute auch die Bereitschaft, zehn Jahre hinzuschauen, lobt Reul. „Sie geben Frauen eine Stimme, Sie schaffen Öffentlichkeit für Themen, die zu lange hinter verschlossenen Türen waren.“
Bedrückende Stille bei Podiumsdiskussion mit Opfer
„Ich gebe betroffenen Frauen eine Stimme“, sagt Frauenaktivistin Alice Westphal zu Beginn der Podiumsdiskussion zum Thema „Gewalt an Frauen“. Sie erzählt ihre ganz persönlichen Erlebnisse – beginnend in der Kindheit. Westphal ist mehrfach Opfer von häuslicher Gewalt geworden, hat auch sexuelle Übergriffe erleben müssen. Ihre Schicksalsgeschichte lässt das Publikum erstarren. Eine jede und ein jeder wird in diesem Moment im LŸZ tief geschluckt haben. Westphal macht mit ihrem Auftreten aber auch gleichzeitig Mut, Kraft zu entwickeln, aus dem Sog der Gewalt herauszukommen. Sie hat es mit starkem Willen und viel Sport mit inzwischen 70 Jahran ganz gut geschafft.
Hier schließt sich die Arbeit von Katharina Heinrich an. Sie ist Sozialarbeiterin bei Mädchen in Not e.V. in Kreuztal. Sie betreut Mädchen und Frauen von drei bis 27 Jahren. Die Fälle würden mehr, die Warteliste wäre lang – zu lang, um allen helfen zu können. Sie und ihr Team versuchen, die Betroffenen zu stärken, ihnen die Sicherheit zu geben, dass man wieder fühlen dürfe, auch wenn man traumatisch erlebt hat. Sicher ist aber, dass jede Gewalt die Mädchen und Frauen verändere. „Das, was passiert ist, bleibt“, erläutert Heinrich.
Kriminalkommissarin Susanne Otto kennt aus ihrer täglichen Arbeit der Kriminalprävention und dem Opferschutz sexualisierter Gewalt die Fälle, die zur Anzeige gebracht werden und sieht eine wichtige Entwicklung. „Wenn wir zu einem Streit gerufen werden und selbst, wenn die Frau rechtliche Schritte in der Konfliktsituation ablehnt, muss heute immer eine Anzeige erstattet werden. Die erstatten dann wir, als Polizei. Das war früher nicht so.“ Außerdem habe der Gesetzgeber neue Möglichkeiten geschaffen, Täter von Opfern länger fernzuhalten. Doch noch immer sei das Problem, dass viele Frauen nicht den Schritt wagen, sich zu trennen. „Wenn Frauen nicht das soziale Umfeld haben, aufgefangen zu werden, ist es schwer, diesen Schritt zu gehen.“ Eine Trennung bedeute oft ein weiteres Konfliktpotential. „Das macht Angst.“, so Otto.
Männer haben Angst
Angst im weitesten Sinne haben auch Männer. Angst davor, keine „echten Männer“ zu sein. So beschreibt es Daniel Schulte, Jungen- und Männerberater der KSD Olpe. „Ständig seine Männlichkeit beweisen zu müssen, macht Druck“, erläutert Schulte. Ein Mann sei eigentlich eine Konstruktion. „Jungen kriegen vielerorts noch immer die traditionelle Männlichkeit anerzogen.“ Oft führe eine Hilflosigkeit bei Männern zu Gewalt, erklärt Schulte weiter. Schultes Ausführungen sind nicht als Entschuldigung für Übergriffe zu verstehen. Es zeigt den Punkt auf, wo man ansetzen kann, um etwas zu verändern. Sein Beratungsangebot appelliert bei gewalttätigen und gewaltbereiten Männern an ihre Eigenverantwortung. Auch in dieser Beratungsstelle ist die Nachfrage groß, die Warteliste zu lang.
Gewalt an Frauen ist gesamtgesellschaftliches Problem
Ein Jubiläum in Siegen, dass jeden einzelnen in Deutschland angeht: Gewalt an Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: Beratungsstellen, die keine Kapazitäten haben, soziale Strukturen, die Frauen spätestens zur Familiengründung in eine Abhängigkeiten drängen, Erwartungen an Männer, immer stark zu sein.
„Ich vermisse einen männlichen Schulterschluss“, sagt Alice Westphal. Es könne doch nicht sein, dass Männer nicht mit den Frauen laut werden. Erst dann könne sich etwas ändern. „Und wir als FrauenForum kämpfen dafür“, so Beate Schmies – der Ausblick in die Motivation für die nächsten zehn Jahre Frauenforum Siegen-Wittgenstein.
Beste Grüße,
Beate Schmies (Sprecherin FrauenForum SiWi)
Weitere Fotos der Veranstaltung, bereit gestellt von Tobias Arhelger.
Wir bedanken uns für die tollen Fotos.
tobias.arhelger.fotodesign – Instagram, https://www.tobiasarhelger.de/











































